Digitale Malerei des Künstlers hhmh aus Ismaning bei München. Sisyphos (Sisyphus) rollt einen großen Felsbrocken eine steile Bergflanke hinauf. Die Bildstimmung wird passend zum Thema durch die schwarz-weiße Umsetzung betont. Die Bilder der Serie sind freigestellt und haben keinen rechteckigen Bildrahmen.

‘The Next Career Step’ aus der Bildserie ‘Sisyphos at Work’ / 2020 / Digitale 3D-Malerei / Fotoabzug auf Ilford S/W-Fotopapier glänzend, freie Rahmenform, kaschiert auf Alu-Dibond /// Auflage: 5, ca. 112 cm (H) ∙ 200 cm (B) /// Auflage: 5, ca. 56 cm (H) ∙ 100 cm (B) /// Nummeriert und handsigniert.

Das vorliegende Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.
© 2020 by Heinz Hermann Maria Hoppe
Alle Rechte vorbehalten


‘Sisyphos at Work’ /// Bildserie : : :


Bei der Arbeit. ‘Sisyphos at Work’ : : :
Digitale Malerei


»Welche politischen Auswirkungen wird eine massenhafte neue Klasse von wirtschaftlich nutzlosen Menschen haben?« 1
Yuval Noah Harari

Digitale Malerei. Eine finstere Bergwelt in der Unterwelt der griechischen Gottes des Todes. Harte Schwarz-Weiß-Kontraste kennzeichnen die Bildsequenz.

‘Attractive Workplace of a Global Market Leader’ aus der Bildserie ‘Sisyphos at Work’ / 2020 / Digitale 3D-Malerei / Fotoabzug auf Ilford S/W-Fotopapier glänzend, freie Rahmenform, kaschiert auf Alu-Dibond /// Auflage: 5, ca. 112 cm (H) ∙ 200 cm (B) /// Auflage: 5, ca. 56 cm (H) ∙ 100 cm (B) /// Nummeriert und handsigniert.

Digitalkunst. Seitenansicht des Sisyphos, wie er den Stein den Berg hinaufwälzt.

‘Become Part of Our Customer-Oriented Corporate Philosophy’ aus der Bildserie ‘Sisyphos at Work’ / 2020 / Digitale 3D-Malerei / Fotoabzug auf Ilford S/W-Fotopapier glänzend, freie Rahmenform, kaschiert auf Alu-Dibond /// Auflage: 5, ca. 112 cm (H) ∙ 200 cm (B) /// Auflage: 5, ca. 56 cm (H) ∙ 100 cm (B) /// Nummeriert und handsigniert.

Sisyphos aus der Vogelperspektive. Das digitale Gemälde pointiert die Sinnlosigkeit so vieler Arbeiten. Im Hintergrund die Bergwelt der Unterwelt.

‘Are You a Team Player With Strong Communication Skills?’ aus der Bildserie ‘Sisyphos at Work’ / 2020 / Digitale 3D-Malerei / Fotoabzug auf Ilford S/W-Fotopapier glänzend, freie Rahmenform, kaschiert auf Alu-Dibond /// Auflage: 5, ca. 112 cm (H) ∙ 200 cm (B) /// Auflage: 5, ca. 56 cm (H) ∙ 100 cm (B) /// Nummeriert und handsigniert.

Eine weitere perspektivische Ansicht des Digitalkünstlers von unten. Sisyphos quält sich mit dem Felsbrocken ab und blickt dabei dem Bildbetrachter direkt in die Augen.

‘You Want to Get Off to a Flying Start?’ aus der Bildserie ‘Sisyphos at Work’ / 2020 / Digitale 3D-Malerei / Fotoabzug auf Ilford S/W-Fotopapier glänzend, freie Rahmenform, kaschiert auf Alu-Dibond /// Auflage: 5, ca. 112 cm (H) ∙ 200 cm (B) /// Auflage: 5, ca. 56 cm (H) ∙ 100 cm (B) /// Nummeriert und handsigniert.

Digitale Kunst. Sisyphos legt erschöpft seinen Kopf auf den Fels und blickt ins Leere.

‘Independent Work in a Strong Team’ aus der Bildserie ‘Sisyphos at Work’ / 2020 / Digitale 3D-Malerei / Fotoabzug auf Ilford S/W-Fotopapier glänzend, freie Rahmenform, kaschiert auf Alu-Dibond /// Auflage: 5, ca. 112 cm (H) ∙ 200 cm (B) /// Auflage: 5, ca. 56 cm (H) ∙ 100 cm (B) /// Nummeriert und handsigniert.

Kommentar
Autor: Heinz Hermann Maria Hoppe

Der Mythos des Sisyphos

Die griechische Sage des Sisyphos ist eine Metapher für schwere, endlose und sinnlose Arbeit: Skrupellos führte Sisyphos den Todesgott Thanatos hinters Licht und verriet Zeus, den Göttervater. Zur Strafe sollte der Frevler Sisyphos auf ewig und im Schweiße seines Angesichts einen Felsblock auf einen Berg der Unterwelt wälzen. Unter Schmerzen sollte ihm der Brocken dann, kurz vor Erreichen des Gipfels, entgleiten und ins Tal zurückrollen; immer wieder … sollte seine Arbeit von vorne beginnen.2


Nichts als Arbeit

Unsere Arbeit ist im Gegensatz zu einem Ding nie ›fertig‹. Endlos wiederholen sich unsere täglichen Anstrengungen. Mit dem Wechsel von Tag und Nacht stehen wir auf und gehen schlafen. Wir nehmen Nahrung auf und verbrauchen unsere Energie in der Firma wieder. Wir stellen her und konsumieren dafür im Gegenzug.

Für Geknechtete wird Arbeit zur Qual. Ihr einziger Lohn für die endlosen Wiederholungen der Plackerei ist Fruchtbarkeit. Sie vermehren ihr Geld und sich selbst. Vielleicht können sie sich Kinder leisten, die dann über Jahre hinweg heranwachsen. Ist der Lohn zu gering, verwandelt sich ihr Leben in Elend.3

Arbeiten und Ausruhen sind wie der Stoffwechsel der Natur. Der Wechsel zwischen Erschöpfung und Regeneration kann glücklich machen.4 Die meisten Menschen suchen sinnvolle Aufgaben, das ›Glück der Arbeit‹. Wir haben sogar ein Recht auf Arbeit und nach Glück zu streben. Arbeitslose sind dagegen andauernd erschöpft. Wer aufhört zu arbeiten, verliert seine Lebendigkeit. Unlust breitet sich aus. Sogar der verdiente Genuss als Selbstbelohnung für die Anstrengungen vergeht. Wer reich ist und nicht (mehr) arbeiten muss, langweilt sich hingegen ›zu Tode‹.5 Der Mensch braucht sinnvolle Beschäftigungen.


Freiheiten im Job

Die Achtung der Arbeit zur Absicherung von Grundbedürfnissen ist eine neuzeitliche Erscheinung. Im alten Griechenland gingen nur Sklaven zur Arbeit, um überleben zu können. Nur Unfreie waren genötigt, ihren Lebensunterhalt als Tischler, Schreiber oder als Fischhändler zu verdienen. In einem freien Beruf, als Mediziner, als Landwirt oder als Architekt genoss man stattdessen einen guten Ruf. Produktive und angelernte Arbeiten unterliegen wie die Berufe der ›Schreibtischtäter‹, Werktätigen und Handwerker einem Imagewandel.6


Von der Hand ins Programm

Gebrauchsgegenstände bestehen aus Ideen, Materialien und Handlungen. Das Werken mit unseren Händen, das ›Handwerken‹, war Voraussetzung für die Evolution der Dinge. ›Produktion‹ und ›Produktivität‹ sind Teamwork zwischen Kopf und Hand. Geistige Arbeit ist im engeren Wortsinn ›unproduktiv‹. Sie erschafft zwar ›Produkte‹, die man konsumieren, aber nicht anfassen kann.7 Solche immateriellen Produkte, wie Software- und Unterhaltungsprogramme, nehmen immer mehr Räume ein. ›Digitalisierung‹ ist die Verlagerung analoger Handlungen und Dinge in die virtuelle Welt. So wie ›Digitale Zwillinge‹ virtuelle Repräsentanten aus der realen Welt sind. Sie sind Simulationen von Design und Fertigung, von Produkt-Lebenszyklen, mit ihnen lassen sich Produktinformationen aus realen Räumen auf virtueller Ebene interkontinental verbinden. Digitalisierung kann Wettbewerbsvorteile erschaffen.


Arbeiten unter Dampf

Auf Lochkarten-gesteuerten Maschinen verbanden Ende des 18. Jahrhunderts Kette und Schuss die Fäden viel schneller zu Geweben als auf Handwebstühlen. Dadurch produzierten die Systeme einen finanziellen Überschuss. Die noch übrig gebliebenen Handbewegungen der Arbeiterinnen und Arbeiter reduzierten sich weitestgehend auf Hilfsarbeiten, die auch von ungelernten Kräften, oftmals noch Kinder, ausgeführt werden konnten. Die Arbeit war synchronisiert, dem Takt der Maschinen angeglichen. Der stetige Zuwachs an Gewinn erregte auch bei den Fabrikanten anderer Branchen Begehrlichkeiten.

Die Idee, durch Arbeitsteilung noch schneller fertigen zu können, machte aus Werkbänken Fließbänder. Die hungrigen Arbeiterinnen und Arbeiter brachten aber weiterhin karge Löhne durch die von Dampfmaschinen verpestete, krankmachende Luft im englischen Manchester mit nach Hause – trotz (oder gerade durch?) die ›Industrielle Revolution‹. Die Vorteile des technischen Fortschritts flossen an ihnen vorbei direkt in die Taschen der Fabrikanten.


Im Takt am laufenden Band

Die Fließbänder des Henry Ford und die Perfektionierung der Arbeitsteilung mit den immer gleichen Handgriffen waren konsequent gedacht. Die Idee der Arbeitsteilung ist auch 200 Jahre später für die mechanischen Bewegungen metallischer Greifarme entscheidend. Heute haben Roboter wieder mehr ›Freiheitsgrade‹, deren ›Handreichungen‹ folgen komplexen Programmzeilen-Abfolgen.

Eigentlich sollten Maschinen die Menschen von unwürdiger Arbeit befreien.8 Seit der Erfindung der Dampfmaschine waren und sind Menschen aber auch Sklaven der Technik. In Fabriken reduzieren sich die menschliche Handreichungen auf Hilfsarbeiten für Presswerkzeuge und Drehbänke. Das menschliche Zutun folgt dem Takt der Kurbelwellen, nicht umgekehrt. Der Rhythmus der Maschinen, bei dem man mit muss, reguliert das Arbeitstempo. Wer nicht mitkommt, muss gehen. ›Cobots‹ sollen die Menschen wieder mit denselben Argumenten bei der Arbeit unterstützen. Oder verhält es sich andersherum?


Atome des Kapitals

Der behütet aufgewachsene Friedrich Engels beobachtete das Treiben vor Ort in Manchester damals aus einer ganz anderen Perspektive als ein Arbeiter. Als Spross eines Unternehmers der Textilindustrie aus Barmen bei Wuppertal analysierte er die Folgen der leiblichen und maschinellen Reproduktion von Arbeitskraft. »Mit seiner einflussreichen Untersuchung ›Die Lage der arbeitenden Klasse in England‹ (1845) gehörte Engels zu den Pionieren der empirischen Soziologie.«9 Zusammen mit dem Theoretiker Karl Marx aus Trier entwarf und propagierte er sozialistische und kommunistische Manifeste, die weltpolitische Geschichte schreiben sollten. »Das Kapital« handelt von der Arbeit, vom Ertrag, vom Profit und von der möglichen Macht der Arbeiterklasse.

In ihrem Werk »Vita activa« untersuchte Hannah Arendt die Grundzüge der Arbeit auf Basis der Theorien von Marx. Die kooperierende Organisation von Mitarbeitern und die maschinelle Unterstützung vervielfachen demnach die ›Fruchtbarkeit‹ von Unternehmen, die so mehr Konsumgüter ausstoßen können. Erst in der Zusammenarbeit entsteht das fertige Produkt, kein Arbeiter bringt allein mehr ›ein Ganzes‹ zusammen. ›Atomisierte‹ Arbeitsschritte sind effizienter, aber sie hinterlassen auch eine »Sinn-Lücke«. Die Motivation, immer gleiche, stupide Handgriffe auszuführen, ist geringer.10

Unser heutiges, positives ›Image‹ der Arbeit avancierte von der lebensnotwendigen, untersten Stufe zur wertvollen Tätigkeit, nachdem klar geworden war, dass Arbeit zur Quelle von Eigentum und Reichtum werden kann. Marx definierte ›Produktivität‹ als das, was übrig bleibt, wenn ein Arbeiter seine Familie ernährt hat. Er setzte zwei Pole: die ›produktive Knechtschaft‹, die der ›unproduktiven Freiheit‹ gegenüber stand. Unaufgelöst erscheinen diese Gegensätze vor dem Hintergrund, dass Marx die Arbeiterklasse einerseits von der Arbeit befreien und durch eine Revolution emanzipieren wollte, auf der anderen Seite aber Arbeit metaphorisch mit notwendigen, natürlichen Lebensprozessen gleichsetzte, wie der Zeugung und der Geburt.11


Logik des Fortschritts

Arbeiten und Lernen bedingen einander. Die besten Jobs bekommt, wer spezielles Wissen schnell und genau dann abrufen kann, wenn es gebraucht wird. Wer schneller begreift und viel Stoff erfasst hat, entscheidet. Mit genau diesen Kompetenzen ausgestattet, kommen neue, sehr schnelle und wissbegierige Meister des Lernens auf den Markt: Algorithmen.

Digitalisierung ist in aller Munde, auch der Lernprozess selbst wird digital. Kommunizieren, fertigen und vertreiben werden in modernen Arbeitsprozessen umgestellt. Fast jede Disziplin wird sich ändern, auch kreative und intuitive. In manchen Firmen beginnt automatisiertes Lernen schon jetzt beim ersten Kundenkontakt. Wer nicht einstimmt in das allgemeine Loblied auf die Digitalisierung, gilt als rückwärtsgewandt. Obwohl die geplanten Prozesse unser ›reales‹, analoges Leben reduzieren werden, hinterfragt man besser nicht weiter. Man möchte ja als fortschrittlich dastehen, auch wenn man gar keine konkrete Vorstellung davon hat, was Digitalisierung überhaupt bedeutet.

Trotzdem glauben die meisten, dass ›die Digitalisierung‹ nur ökonomische Vorteile und ›ganz neue Jobs‹ mit sich bringt. Digitalisierung ist das neue ›Mantra‹ der Politik und der Industrie. Rationalisierung wird aber in aller Regel von Stellenabbau begleitet! Sollten wir nicht auch die Nachteile klarer benennen und dessen gesellschaftliche Konsequenzen breiter diskutieren?

Stapeln sich in den Ablagefächern der ›Papierlosen Büros‹ nicht immer noch viel mehr Ausdrucke von E-Kommunikation, dessen Inhalte zuvor gar nicht erst in Schriftform gebracht wurden? Steht nicht in jedem Büro ein Kopierer oder ein Drucker? Analog [sic!] ersetzt ein ›Digitaler Zwilling‹ nicht das ›begreifbare‹ Gegenstück, sondern setzt eine zusätzliche Version in die (virtuelle) Welt. Auch machen virtuelle Werkstücke und Werkzeuge ›unterm Strich‹ nicht zwangsläufig weniger Arbeit. Wer garantiert uns, dass die immensen Investitionen in die Digitalisierung nicht nur der ›Digitalisierungsindustrie‹ Vorteile bringen?

Künstliche Intelligenz erkennt Muster. Das klingt abstrakt, ist aber ganz konkret anwendbar. Man kann KI für den Datenabgleich von Krankheitsbildern bis in genetische Ebenen nutzen, für die Suche nach Gerichtsurteilen im Dschungel der Gesetze, für logistische Routenplanungen, für Maschinensteuerungen in der Fertigung, für Prüfungen in der Qualitätssicherung, sogar für scheinbar intuitive, ›menschliche‹ Aufgaben wie Unterhaltung, Betreuung oder Kreativität. ›Digitalisierung‹, ›Maschinelles Lernen‹ und ›Robotik‹ greifen ineinander und werden die meisten Arbeitsfelder verändern.12 Schritt für Schritt bekommen wir eine Ahnung von den sich eröffnenden Möglichkeiten selbstlernender Systeme. Schleichend implementiert, werden die Konsequenzen erst zeitverzögert offensichtlich werden und ›automatisch‹ die nächsten ›logischen Schritte‹ nach sich ziehen.

Oder besinnt man sich noch? Laut einer unveröffentlichten Studie sollen Vermutungen der KI-Community bestätigt worden sein, wonach KI »immer besser im Nachplappern« sei »aber nichts mit tatsächlichem Verständnis zu tun« habe, zu »sozialer Ungerechtigkeit« führen würde und »obszön umweltschädlich« sei.13 Wer zwingt uns eigentlich dazu, alles kritiklos anzunehmen und umzusetzen, was wir machen könnten – als hätten technologische Innovationen im Namen der ›Sozialen‹ Marktwirtschaft eine Steuerungshoheit über unser Leben?


Schicksal Hamsterrad

Erschreckend viele Menschen sind in ihrem Job unzufrieden. Sie hassen die sinnlosen Routinen, das Hamsterrad, in dem sie sich jeden Tag ›nine-to-five‹ im Kreis drehen, die Arbeitsbelastung, die bürokratischen Strukturen, die Hierarchien, das Mobbing. Es fängt schon mit dem Stress auf dem Weg zur Arbeit an. Die Frage nach dem Sinn des eigenen Tuns bleibt oftmals ein ganzes Berufsleben lang unbeantwortet und wird fortwährend vertagt. Die Vorstellung, sein Leben in die Hand zu nehmen, seine Tage selbst zu gestalten und Träume in die Tat umzusetzen, ist ihnen fremd geworden. Die Risiken eines unsicheren Arbeitsplatzes scheuen sogar Berufsanfänger wie der Teufel das Weihwasser. Die getakteten Stufen der Karriereleiter stehen dem Ausprobieren und der Selbstfindung im Weg.

Die meisten Menschen unterteilen ihr Leben daher in Arbeitszeit und in Freizeit, ihre Ziele in Konsumgüter und Besitztümer, das eigentliche, glückliche Leben vertagen sie auf den Ruhestand. Davon, dass Geld nicht glücklich macht, haben sie gelesen und sagen es voller Überzeugung auch selbst. Trotzdem wollen sie möglichst viel davon haben. Sie haben keine Idee mehr, was sie mit sich anfangen sollen. Was tun diese Menschen in ihrer Zeit, wenn sie in Rente gehen – oder wenn ihre Arbeit, auch schon in mittleren Jahren, nicht mehr selbstverständlich jeden Tag für sie da sein wird?


Arbeit geben oder nehmen?

Ein Arbeitgeber tauscht einen Arbeitsplatz und Arbeitslohn gegen die Arbeitskraft eines Arbeitnehmers. Die angenommene Arbeit wird mit Kraft erledigt und mit Geld entlohnt. Das erhaltene Geld hat zwar Kaufkraft, die Parteien haben aber grundsätzlich entgegengesetzte Interessen. Arbeitgeber wollen möglichst viel von der Kraft für möglichst wenig Lohn. Arbeitnehmer wollen möglichst viel Gehalt für möglichst wenig ihrer Kraft. Ihre Energie brauchen sie schließlich ja auch noch zum persönlichen Wachstum nach getaner Arbeit. Arbeit und Geld sind für sie Mittel zum Leben, für den Unternehmer ist die Arbeitskraft ein Mittel zur Vermehrung des Kapitals. ›Wachstum um jeden Preis‹ hat verschiedene Vorzeichen auf entgegengesetzten Seiten.

Könnte sich der Arbeitnehmer während der Arbeit, wie im Privatleben oder wie ein Selbstständiger, verwirklichen, würde er durch seine Arbeit besser mitwachsen und die Interessen wären nicht mehr so gegensätzlich. Selbstverwirklichung während der Arbeit ist daher kein Luxusproblem, sondern steigert die Produktivität. Wo es aber gar keine Arbeit mehr gibt, verkommen Ansprüche auf Selbstverwirklichung, wie das generelle ›Recht auf Arbeit‹, zu Phrasen.


Arbeitslos 4.0

Wenige Software-Monopolisten und kleine Consultant-Spezialeinheiten steuern immer mehr Fertigungsstraßen in fast menschenleeren Fabriken. Algorithmen, Roboter und Automaten sind berechenbar, sie werden nicht müde oder krank, arbeiten im Gleichtakt, ohne Urlaub und Überstundenabbau, in drei Schichten, dem Unternehmen für die Dauer ihrer Produktzyklen treu ergeben.14 Was wird aus den Arbeitnehmern?


Prekär leben

Handarbeit ist bei vielen Fertigungsschritten längst Geschichte, Kopfarbeit wird es vermehrt werden. Menschliche Eigenschaften werden entbehrlich, gesucht ist das reine Funktionieren15. Ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen da oft nicht mehr mit. Zu langsam und zu schwerfällig, können sie sich nicht mehr laufend neu erfinden und werden nicht mehr gebraucht. Bestenfalls in den Vorruhestand geschickt, reißen sie sich andernfalls beide Beine aus. Wie viele ›Freischaffende‹, die in ›prekären‹ und befristeten Beschäftigungsverhältnissen, ohne Kündigungsschutz, nur mit Werksverträgen versehen oder in saisonalen Hilfsjobs verpflichtet, wie Tagelöhner, ›irgendwie‹ über die Runden kommen. Diese Menschen werden keinen Arbeitsplatz fürs Leben, noch nicht einmal einen Beruf fürs Leben finden, sondern von Anfang an keinerlei Perspektive für irgendeine Form von Arbeitsleben haben und auf Dauer in Bedeutungslosigkeit versinken.16

Unqualifizierte und mittellose ›Kunden‹ sind aber auch ökonomisch uninteressant. Was passiert, wenn sich die Schere weiter öffnet und Menschen noch nicht einmal als Verbraucher ›zu gebrauchen‹ sind? Was fangen unsere Gesellschaften dann mit den vielen ›überflüssigen‹ Menschen an? Und was fangen diese mit sich selbst an, wenn sie in ihren früheren Jobs detaillierte Anweisungen und Regelwerke gewohnt waren?17 Massenhafte Unzufriedenheit führt zu Unfrieden.


Dasein in der Nische

Die Ängste vor Massenarbeitslosigkeit werden nicht zum ersten Mal heruntergespielt. Die vielen Schicksale zukünftiger Arbeitsloser außen vor gelassen, lautet die Argumentation, dass neue Technologien schon immer auch neue Jobs und Perspektiven geschaffen haben. Technologische Entwicklungen könne man sowieso nicht aufhalten. ›Man müsse eben umlernen‹. Was der ›einfache Malocher‹ in Zukunft machen soll, bleibt unbeantwortet. Der hofft derweil weiter, dass ausgerechnet er in seiner Nische weiterhin Arbeit finden wird, weil sich Automaten dort (noch) nicht rechnen.


Wachsen und wegwerfen

Wir glauben, alles müsse selbstverständlich immerzu wachsen, wie die blühende Natur. Einkommen, Sparguthaben und Güter sollen sich unendlich vermehren.18 Bei drohender Knappheit von ›Lebensmitteln‹ hört der Spaß endgültig auf. Ein halb voller Kühlschrank geht gar nicht. Hunger ist uns unbekannt, außer während selbstauferlegter Diäten aufgrund unseres überhöhten BMI.

Wachstum ohne Ende ist kurzsichtig, unlogisch, unnötig und destruktiv. Schon heute übersteigt die Masse künstlich hergestellter Produkte, einer wissenschaftlichen Studie zufolge, die weltweite Biomasse.19 Wir konsumieren Gebrauchsgegenstände inzwischen wie Nahrungsmittel. Einrichtungsgegenstände werden gewechselt, wie früher Kleidungsstücke, den Katalog-Moden folgend. T-Shirts sind wie ›Coffee to go‹.

Die Wirtschaft hat ein grundlegendes Interesse am Kreislauf aus Konsum und Wegwerfen. Für immer mehr Wachstum soll er noch schneller zirkulieren. Der Warenkreislauf funktioniert aber viel besser als der des Recyclings. Die Produktion unserer Wohlstandsgüter verbraucht immer schneller immer knapper werdende Ressourcen für Dinge, die kein Mensch braucht. In unserer Gesellschaft werfen wir fast so schnell weg, wie die Herstellung gebraucht hat. Unser Verschleiß hält eine riesige Herstellungs- und Verpackungsmaschinerie am Laufen.20

Sollen und müssen wir nicht schon wegen der am produzierenden Gewerbe hängenden Arbeitsplätze so weitermachen? Sind nicht ›Jobs, Jobs, Jobs …‹ das über allem stehende Argument?


Hype Digitalisierung

Wenn in den westlichen, technologisch entwickelten Ländern 47 Prozent ihre Jobs verlieren und über siebenhundert Berufsbilder, zumindest in Teilen, von Computern übernommen werden,22 spreizt sich jedenfalls die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf. Die Metamorphose der Digitalisierung, mit reduzierten Angeboten an qualifizierten Jobs, wird unsere Gesellschaft umkrempeln. Nicht heute, nicht morgen, aber mittel- und langfristig.


Wozu noch aufstehen?

Was machen wir den lieben langen Tag, wenn die Arbeit keine Zeit mehr für uns hat? Kompensieren wir die frühere Bewegung im Job einfach mit Sport? Was können wir uns gönnen und was genießen, wenn wir uns den Konsum nicht verdient haben? Wie wollen wir in sinnlosen Tätigkeiten einen Sinn finden? Was bleibt uns dann noch, außer zu spielen und ›die Zeit zu vertreiben‹? Wie stillen wir unsere wachsenden Ansprüche, wenn wir viel mehr Zeit für Begehrlichkeiten haben, aber die Mittel knapp werden? Was ›verzehren‹ wir, wenn wir schon alle Kulturgüter ›durchprobiert‹ haben? Was macht das mit unserer Psyche? Was wird aus uns werden?21

Oder verliert der Ernst des Lebens, das Geld verdienen, endlich seinen Schrecken? Verschaffen uns Algorithmen und Automaten die ersehnte Leichtigkeit des Seins und endlich die Freiräume zur Selbstverwirklichung? Werden aus ›Werktätigen‹ Hobbykünstler, Denker und Spieler, die sich in Parks treffen und über die menschliche Natur philosophieren? Könnte das Leben ›ohne Dienst nach Vorschrift‹ die Grundlage für kulturellen Fortschritt sein? Aber macht ein müheloses ›sich-durch-den-Tag-treiben-lassen‹ auf Dauer nicht unzufrieden? Wie sieht das neue ›Brot‹ und wie sehen die neuen ›Spiele‹ für die Massen aus?

Und wer soll das alles – Grundsicherung oder ›Bedingungsloses Grundeinkommen‹ – überhaupt bezahlen? Wie schaffen wir es, das durch Roboter erwirtschaftete Kapital gerecht zu verteilen? Warum sollten Investoren ihr Kapital freiwillig für unser Gemeinwohl hergeben? Ideen zur Besteuerung und Finanzierung werden (noch) nicht ernsthaft diskutiert. Im Gegenteil: Die Lebensarbeitszeit soll zur Finanzierung der Renten steigen. Die Frage, woher die Arbeit für über 60- bis 70-jährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zukunft kommen soll, wird aber nicht beantwortet.


Selbst und ständig auf Sinnsuche?

Menschen, die wieder mehr auf sich selbst gestellt sind, die Produkte für ihren Bedarf eigenhändig anpflanzen, bauen und reparieren, statt wegzuwerfen, eint ein Glücksgefühl. Im Gegensatz zu unserer Gadget-Kultur: »Denn die technische Entwicklung, so wie das Silicon Valley sie erträumt und predigt, macht uns nicht zu ›Supermenschen‹, sondern zu Wesen, die ohne Hilfsmittel nichts mehr können. Unser handwerkliches Können erlischt, unser sprachlicher Ausdruck reduziert sich, unser Gedächtnis, ausgelagert in Memory-Funktionen, lässt nach, unsere Fantasie besteht aus vorgefertigten Bildern, unsere Kreativität folgt ausschließlich technischen Mustern, unsere Neugier weicht der Bequemlichkeit, unsere Geduld permanenter Ungeduld; den Zustand der Nicht-Bespaßung halten wir nicht mehr aus.«23

Wer sich nicht mehr nützlich fühlt, wessen Zeit kein Geld mehr wert ist, wer sich nicht mehr alles nach Belieben kaufen kann, der ist gezwungen, Kernfragen an sich neu zu stellen und sich zu besinnen – oder einzugehen. Wem sich solche Fragen erst am Ende des Lebens aufdrängen, der hat seine Chancen auf rechtzeitige Antworten für ein glückliches Leben vertan. Was brauchen Sie zu einem glücklichen Leben?

Wir altern seit unserer Geburt. Bevor wir die Mitte unseres Lebens erreichen, endet unser Wachstum und beginnt der Verfall. Wer 80 Jahre alt wird, hat 691.200 Stunden gelebt. Wofür arbeiten Sie? Wie viele Stunden müssen Sie arbeiten? Wie viele Stunden davon arbeiten Sie gerne? Wie abhängig sind Sie von Ihrer Arbeit? Können Sie ihre Lebensziele auch erreichen, wenn Sie Ihre Arbeit reduzieren oder verlieren? Wie abhängig wollen Sie von Luxus und Konsumgütern sein? Was wollen Sie besitzen? Was würde Sie befreien? Wie krank macht Sie Ihre Arbeit? Wie viel Spaß bringt Ihnen der Job? Was machen Sie, wenn Sie sich langweilen? Kommen Sie, gefühlt, voran oder treten Sie schon länger auf der Stelle? Was zählt am Ende für Sie?

Brauchen wir in Zukunft eine ›Agentur zur Selbstverwirklichung‹?

Was würden Sie mit einem Leben ohne Arbeit anfangen?


Der Mythos in Kunst und Literatur

Tizian schuf einen muskulösen Sisyphos zwischen 1548 und 1549, Franz von Stuck malte seine Version im Jahr 1920. Albert Camus, ›Philosoph des Absurden‹, belebte die Sage mit seinem Bühnenstück »Caligula« (Uraufführung 1945) und mit dem Roman »Der Fremde« (»L’Étranger«, 1942). Seine Abhandlung existentialistischer Fragen in »Der Mythos des Sisyphos« (Originaltitel: »Le mythe de Sisyphe. Essai sur l’Absurde«) wurde weltberühmt.2

Camus belebte die endlose Quälerei des Sisyphos wieder, die danach verschieden interpretiert wurde. Erich Fried beschrieb in einer Holocaust-Assoziation die Angst des Sisyphos vor der Abnutzung des Steins. Werktätige des Sozialismus finden in DDR-Literatur ihre Lösung darin, den Stein einfach liegenzulassen. In einem Gedicht von Fred Portegies Zwarts wiederum stößt Sisyphus den Felsbrocken »selber wieder in den Abgrund, damit er weiterarbeiten kann«.2

Camus schließt den »Mythos des Sisyphos« in seinem gleichnamigen Essay, überraschend für ein Schicksal voller Pein, mit einem positiven Bild des Daseins: »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«.24


Warum hinterfragt ein Künstler, der selbst mit digitalen Werkzeugen arbeitet und digitale Bildwelten erschafft, den aktuellen Prozess der Digitalisierung?

Weil die Digitalisierung schwer für unser zukünftiges Leben wiegen wird. Weil es darum keinen Grund gibt, sie nicht zu hinterfragen – ganz gleich, ob mit digitaler oder mit analoger Kunst. Weil digitale Werkzeuge virtuelle Räume herausragend gut abbilden können. Solche Werkzeuge und Virtualität werden aber nicht per se in allen Arbeitswelten gebraucht werden.


Quellen- und Literaturverzeichnis:

1 Harari, Yuval Noah: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. C.H.Beck München: 10. Auflage 2019, S. 415.

2 Vgl. Sisyphos. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 2. Januar 2021, 10:05 UTC. URL: https://de. wikipedia.org/w/ index.php?title=Sisyphos&oldid=207169179 (Abgerufen: 5. Januar 2021, 11:25 UTC).

3 Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Piper München Zürich: Taschenbuchsonderausgabe September 2002, S. 140 ff.

4 Vgl. ebd., S. 134.

5 Vgl. ebd., S. 126 ff.

6 Vgl. ebd., S. 104 ff. und S. 153.

7 Vgl. ebd., S. 107 ff.

8 Vgl. Precht, Richard David: Jäger, Hirten, Kritiker. Wilhelm Golfmann Verlag, München: 7. Auflage 2018, S. 101.

9 Vgl. Friedrich Engels. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. Dezember 2020, 10:25 UTC. URL: https://de. wikipedia.org/w/ index.php?title=Friedrich_Engels &oldid=206753546 (Abgerufen: 5. Januar 2021, 12:30 UTC).

10 Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa. S. 142 ff.

11 Vgl. ebd., S. 111–125.

12 Vgl. Harari, Yuval Noah: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. C.H.Beck München: 2. Auflage 2019, S. 49.

13 Vgl. Moorstedt, Michael: Papageienhirne. War Google die eigene Ethik-Expertin zu kritisch? in: Netzkolumne, Süddeutsche Zeitung Nr. 289 vom 14. 12. 2020.

14 Vgl. Harari, Yuval Noah: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. S. 49–57.

15 Vgl. Harari, Yuval Noah: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. C.H.Beck München: 10. Auflage 2019, S. 495.

16 Vgl. Harari, Yuval Noah: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. S. 66–70.

17 Vgl. Harari, Yuval Noah: Homo Deus. S. 469–498.

18 Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa. S. 124–126.

19 Vgl. Zeitalter des Anthropozäns. Künstlich hergestellte Produkte übersteigen weltweite Biomasse. in: Wissen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, abgerufen 9. 12. 2020, 19:27 UTC. URL: https:// www.faz.net/ aktuell/wissen/ anthropozaen-kuenstlich- hergestellte-produkte- uebersteigen-biomasse- 17094486.html

20 Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa. S. 147–158.

21 Vgl. ebd., S. 157–160.

22 Vgl. Precht, Richard David: Jäger, Hirten, Kritiker. S. 23–24.

23 Precht, Richard David: Jäger, Hirten, Kritiker. S. 154.

24 Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg: 410.–413. Tausend Oktober 1999, S. 128.


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